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BI „Bergedorf stellt alles in den Schatten –
für ein lebenswertes Stuhlrohrquartier


Hallo liebe Leser,
das sogenannte Stuhlrohrquartier beherbergt derzeit Gewerbe und zeugt mit einigen geschichtsträchtigen Gebäuden von der Industrialisierung Bergedorfs. Die Vorgaben der Auslobung sehen für eine zukünftige Bebauung viel Wohnraum auf wenig Fläche vor, wobei Dichte und Höhe der Bebauung in Richtung des projektierten „Bergedorfer Tores“ ansteigen sollen. Ein urbanes Gebiet soll hier entstehen, wie es sich für einen derart zentralen Ort gehört. Lediglich die denkmalgeschützten Stuhlrohrhallen sollen, besser gesagt müssen, erhalten bleiben. Mit all diesen Punkten sind wir einverstanden.

„Wir“ steht für inzwischen mehrere tausend Bergedorfer Bürgerinnen und Bürger, die wir als Vertrauenspersonen der Bürgerinitiative „Bergedorf stellt alles in den Schatten – für ein lebenswertes Stuhlrohrquartier“ vertreten. Nun mag man sich wundern. Wieso bedarf es unserer Bürgerinitiative, wenn wir doch allen genannten Punkten zustimmen?


Bürgerinitiative steht für mehrere tausend Bergedorfer.

Der Teufel steckt hier – wie so oft – im Detail. Wirft man einen Blick auf die Pläne des Investors wird einem schnell angst und bange. Obwohl auch dieser alle oben genannten Punkte auf den ersten Blick beherzigt. Schaut man sich die Planung aber etwas genauer an, so stellt man fest, dass hier deutlich über das Ziel hinausgeschossen wird: Achtgeschossige Blockrandbebauung mit bebauten Innenhöfen, drei Punkthochhäuser a 12 Stockwerke und ein Hochhaus mit bis zu 22 Geschossen!

Geplant werden sollte ein Quartier mit einer für Bergedorf bislang unbekannten Dichte. Ziel war nicht die Planung einer Quartierdichte, die es in Bergedorf bislang aus guten Gründen nicht gibt. Man merkt schnell: Das kann kein Bergedorfer geplant haben! Und so formiert sich der Unmut vieler Bergedorfer. Ein inzwischen oft gehörter Satz lautet: „Was machen die da nur mit unserem schönen Bergedorf?“ Das fragen wir uns auch und wir wollen etwas tun.

Wir wollen, dass „unser“ Bergedorf so ansehnlich bleibt, wie es – in Teilen noch – ist. Wir wollen all denen eine Stimme geben, die sagen: „Es reicht! Überall wird so viel gebaut. (Und dann auch noch die großflächige Landschaftsvernichtung „Oberbillwerder“!)“

Die Initiative ist vor diesem Hintergrund schnell beschlossene Sache und gründete sich im November 2017, der rechtliche Beistand wurde in der Sozietät Klemm und Partner gefunden und das Begehren dem Bezirksamt angemeldet. Am 1. Dezember 2017 fiel der Startschuss und wir legten los. Seitdem setzen wir uns für eine maßvolle Bebauung im Stuhlrohrquartier ein, die für uns ganz bestimmte Kriterien erfüllen muss.

Bürgerinitiative setzt auf Erfüllung bestimmter Kriterien.

Zuerst ist die geplante Höhe und Dichte der künftigen Bebauung schon überdimensioniert, sie muss sich mit maximal fünf Geschossen an der Umgebungsbebauung am Weidenbaumsweg orientieren. Diese Geschosszahlen findet man in vielen Gebieten Bergedorfs, so auch im unmittelbar anschließenden Bergedorf-Süd. Hochhäuser, auch wenn sie sprachlich kleiner gemacht und „Punkthochhäuser“ genannt werden, würden sogar das künftige sogenannte Bergedorfer Tor, Ecke Bergedorfer Straße /Weidenbaumsweg, mit sieben bzw. neun Geschossen noch überragen. Das lehnen wir ausdrücklich ab!

Das Stadtbild Bergedorfs würde dadurch maßgeblich und unansehnlich verändert. Die Erfahrung mit dem „nur“ 14-geschossigen CCB zeigt doch, dass unsere Stadtsilhouette durch Hochhäuser nicht aufgewertet wird. Warum muss man Fehler ständig wiederholen? Im Interesse menschenwürdiger Wohnverhältnisse sind darüber hinaus die Innenhöfe der Wohnblöcke von Wohn- und Gewerbenutzungen vollständig freizuhalten. Sie sollen als Grün- und Aufenthaltsflächen dienen und dürfen nicht bebaut werden. Zum einen ist ein dunkles Tal im Inneren der Blockrandbebauung zu befürchten, zum anderen benötigen Menschen Flächen im Freien, um lebenswert zu wohnen.

Das zu bebauende Gebiet wird als urbanes Gebiet beworben. Auf einem Vierzehntel der bebauten Flächen Gewerbe anzusiedeln und dies als urban zu verkaufen, ist zu wenig. Wir fordern daher, im Bebauungsplan die Nutzungsmischung sicherzustellen und mindestens ein Drittel der Geschossfläche der Gebäude im Quartier für gewerbliche Nutzung vorzusehen. Hier sollen sich Büros, Handwerk, nicht zentrenrelevanter Einzelhandel sowie weitere Gewerbebetriebe ansiedeln. Nur dann kann das Label „urban“ auch treffend für das Stuhlrohrquartier verwendet werden. Juristen nennen dies „Etikettenschwindel“.

Darüber hinaus dürfen die denkmalgeschützten Stuhlrohrhallen nicht überbaut werden. Ganz im Gegenteil sollen diese eine zentrale Rolle im Quartier einnehmen und auch öffentlich zugängliche Bereiche aufweisen, um von vielen Menschen genutzt werden zu können. Um die letzten baulichen Zeugnisse Bergedorfer Industriegeschichte am Schleusengraben zu erhalten und im Stadtbild angemessen zu dokumentieren, ist darüber hinaus der historische Teil des Nachbargebäudes, dem „Gebr. Glunz Japan-Import-Haus“ (ehem. Kartonagenfabrik Max Armbruster/ vorm. Lederfabrik Westphal) am Weidenbaumsweg 69b unter städtebaulichen Erhaltungsschutz zu stellen.

In anderen Hamburger Quartieren zeigen gute und gelungene Beispiele (Gasstraße, Goldbekplatz, Falkenried), dass dies funktioniert. Hier ist man stolz auf historische Bausubstanz dieser Art, entwickelt die Bebauung um diese Relikte der Industriegeschichte und schafft so Unverwechselbarkeit. In Bergedorf hat man den Eindruck, dass der Investor die historische Bausubstanz nur als lästiges Erbe begreift.

Bürgerinitiative verlangt nach Verkehrskonzept.

Wir glauben nicht daran, dass sich im Stuhlrohrquartier hauptsächlich Menschen ansiedeln, die ein autofreies Leben führen, sondern befürchten eher das Gegenteil und lästigen Parksuchverkehr in den umgebenden Quartieren. Es liegt auf der Hand, dass die geplante Anzahl an PKW-Stellplätzen nicht ausreicht und sich dadurch der Parksuchverkehr auf die angrenzenden (Wohn-)Gebiete ausweiten wird. Daher sind ausreichend Stellplätze für das geplante Quartier mit mindestens 0,8 pro Wohneinheit vorzusehen. Ein betonter Vorzug des geplanten Quartieres besteht in der zentralen Lage der Bergedorfer City.

Darin birgt sich jedoch auch die große Gefahr eines möglichen Verkehrsinfarktes in der Bergedorfer Innenstadt. Bisher wurde versäumt, ein entsprechendes Verkehrskonzept vorzulegen, um darzustellen, wie der zusätzlich aufkommende Verkehr sich in den bereits bestehenden einfügen soll. Vom Rest der Infrastruktur ganz zu schweigen!

Demnach fordern wir, dass im Bebauungsplanverfahren nachzuweisen ist, dass die Verkehrsinfrastruktur in der Lage ist, das zusätzliche Verkehrsaufkommen auch aufzunehmen. Der Nachweis muss über ein qualifiziertes Verkehrsgutachten oder – vorzugsweise – über ein, den gesamten Bezirk unter Berücksichtigung sämtlicher möglicher baulichen Entwicklungen betreffendes, Verkehrskonzept erbracht werden. Sollte dieser Nachweis nicht geführt werden können, ist die Bebauung auch aus diesem Grund zu reduzieren.

Wir gehen davon aus, dass es keinerlei Absprachen mit den Alteigentümern der Flächen und dem Investor gibt, die Entscheidungen vorweg genommen oder Einfluss auf die weitere Planung haben.

Die Bebauung des Stuhlrohrquartiers muss transparent für alle, mit identitätsstiftendem Nebeneinander von historischen und neuen Gebäuden und verträglich für Bergedorf realisiert werden.

Wir werden die nächsten Monate für Gespräche mit Politik, Bezirksamt und Investor nutzen, um vielleicht auch eine einvernehmliche, von einem breiten Konsens getragene Lösung zur Weiterentwicklung des Stuhlrohrquartiers zu erzielen. Sollte dies nicht oder nur unter zu großen Opfern möglich sein, sollten die Bergedorfer über die Zukunft des Stuhlrohrquartiers abstimmen.

Morlen Gohl – Bürgerinitiative „Bergedorf stellt alles in den Schatten – für ein lebenswertes Stuhlrohrquartier“ (Gastautorin)

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