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Popstar Madonna in Berber-Bekleidung bei den MTV Video Music Awards 2018 in New York City.

Foto: Erik Pendzich, Alamy Stock Foto

Hallo liebe Leser,
Madonna, die 60-jährige Sängerin, die noch nie vor Kontroversen zurückschreckte, kam im August 2018 zu den MTV Video Music Awards (VMAs) ausgefallen in traditioneller Berber-Kleidung. Kurz davor hatte sie ihren Geburtstag in Marrakesch gefeiert und war wohl zu den Souqs zum Shoppen gegangen. Sie trug ein schwarzes Wollkleid, bunte Litzen, mehrere Münzhalsketten und ein Stirnband mit Metallüberständen.

Dies ist das kulturelle Erbe der Berber oder Amazigh, einer ethnischen Gruppe, die in weiten Teilen Marokkos, Algeriens, Nordmalis, Nigers, Tunesiens und sogar Ägyptens gefunden wurde und fast 2000 Jahre alt ist. Eine, die sich richtig auskennt mit der kabylischen Mode und diese auch selbst trägt, ist die aus Hamburg stammende Aktivistin Uli Rohde. Im Interview hat sie mir eine Menge darüber verraten …
 

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Uli Rohde benutzt aufwendigen Silberschmuck, wenn sie in Paris auf die Straße geht.
 

Alles über Berberbekleidung und kabylische Mode.

Stolz präsentiert die junge Aktivistin aus Hamburg-Bergedorf zu jeder Gelegenheit die Vielfalt der kabylischen Damenbekleidung in Paris, wie das traditionelle Kleid mit aufgenähten Litzen oder anderen Verzierungen, um der heutigen Generation die Kultur ihrer Vorfahren wieder näher zu bringen. Nachdem die Kabylen ihre Sprache jahrzehntelang nur verbotenerweise gesprochen haben und ihre Rituale beinahe verkümmert sind, gibt es in den letzten Jahren vermehrt Aktionen, wie beispielsweise das Festival de la robe Kabyle (Festival des kabylischen Kleides).

# Teil 1. der Serie: Berber-Volk hat es Uli Rohde angetan.
# Teil 2. der Serie: Uli Rohde prangert Risiko für Reporter an.

 

Heidi: „Uli, wie kamst du eigentlich dazu, dich ans Modemachen zu wagen und nun auch noch ein großer Inspirator für die kabylische Mode zu werden? Du bist ja, um deinem Engagement nachzukommen, extra Anfang 2018 nach Paris umgezogen.“

Uli: „Ich schneidere schon lange. Alles fing damit an, dass ich mit 18 Jahren einmal zu einer feinen Von-und-zu-Party eingeladen war und – obwohl sich meine Familie von Haus aus sehr ordentlich kleidet – mir ein passendes Kleid und auch das passende Kleingeld dafür fehlte. Also kaufte ich ein Stück Seide und beauftragte meine Mutter damit, mir ein Kleid zu nähen. Meine Mutter hat immer sehr gebummelt bei so etwas und beim ersten Kleid, da kam ich zu spät, weil es nicht fertig war. Beim zweiten Kleid habe ich den kirchlichen Teil einer Hochzeit verpasst, weil wieder mein Kleid nicht fertig war. Danach hab ich es ohne weitere Anleitung selbst versucht. Meine Mutter hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie sah, wie ich die Schere am teuren Stoff ansetzte. Zugegebenermaßen sind meine Kleider häufig außen HUI und innen PFUI, also die Schnittkanten nicht versäubert, das Futter weggelassen etc. Aber es stört mich nicht. Im Gegenteil: die kabylischen Kleider sind häufig auch mit der heißen Nadel genäht.
 
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Die traditionelle Kleidung der kabylischen Frauen mit bunter Zackenlitze.
 
Nun also zu deiner Frage, wie ich zur kabylischen Mode kam. In den letzten beiden Teilen unserer Interviewreihe hab ich dir ja von meinem Engagement im Menschenrecht erzählt und irgendwann habe ich die Mode benutzt, um die Menschen zu erreichen oder sie zu motivieren. Politik finden die meisten ja ziemlich öde, aber man kann auch anders aktiv werden und Zeichen setzen.

Die Regierungen der Nordafrikanischen Länder haben in die Verfassungen geschrieben, dass sie arabische Kulturen sind. Was aber nicht stimmt. Sie sind Berber, also Imazighen (Einzahl: Amazigh), wie sie sich selbst nennen. Die Machthaber haben aber alles darangesetzt, die masirische Kultur zu negieren und kleinzuhalten. In staatlich produzierten Filmen wurden z.B. die kabylischen Kleider, also die Kleider eines Millionenvolkes in Algerien, lediglich von den Putzfrauen und anderen Ärmeren getragen, aber nie etwa von einer Prinzessin oder einer Dame höheren Ranges. So hat man systematisch ihre Kultur marginalisiert und niedergemacht. Niemand hat etwas gegen Reinmachefrauen, aber man identifiziert sich halt lieber mit den Schönen und Reichen.

Da ich mich schon lange für die Masiren einsetze, hatten wir 2012 einen Stand beim Münchener Streetlife-Festival gemietet, um dort mit einem kabylisch-deutschen Freundschaftsverein, den ich ebenfalls mit Freunden 2008 gegründet habe, die kabylische Kultur vorzustellen. Wir mussten feststellen, dass quasi niemand die Kabylen kannte. Das Wort „Amazigh“ hatte auch nie jemand gehört, nur beim Wort Berber hatten einige eine vage Idee. Alle fanden uns super und wir Frauen liefen in diesen bunten kabylischen Kleidern herum, um ein bisschen aufmerksam zu machen. Die Leute kamen in Scharen und irgendwann sah ich den Aktivisten, Lyazid Abid, mein geistiger Vater in der Berberfrage, mit einer Kamera auf mich zielen.
 
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Die junge Aktivistin aus Hamburg-Bergedorf mit der kaylischen Mode in Paris.
 
Er machte ein paar Fotos und konstatierte: diese Fotos werden die Berberwelt verändern. Ich begriff zunächst überhaupt nicht warum, denn ich hatte keine Ahnung, wie komplexbehaftet die kabylischen jungen Frauen dank der Arabisierungskampagnen des Staates bezüglich ihrer Kleidung waren. Wir stellten das Foto neben unserer Homepage auch bei Facebook ein und es brachte die kabylischen Seiten mit über 70.000 Likes zum Explodieren. Und das nur auf einer einzigen Seite. Der Effekt multiplizierte sich und es gab unglaublich berührende Kommentare. So ließ ich ab dem Zeitpunkt keine Gelegenheit mehr aus, mich in der Öffentlichkeit mit entsprechenden Kleidungsstücken sehen und auch ablichten zu lassen. Dazu benutze ich aufwendigen Silberschmuck sowie kabylisierte Stulpen oder Tücher mit dem roten Zeichen, der Buchstabe „z“ im Alphabet der Berber und deren Symbol.“
 
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Die Berber-Flagge mit ihren drei Farben: Das Land grenzt oben im Norden an ein Meer, beheimatet im Mittelteil Berge und besteht unten im Süden aus Wüste. Darin der rote Buchstabe.

 

Heidi: „Uli, und wie ging es dann weiter? Wenn ich auf deine Seite gehe, dann sehe ich da hunderte Dinge aus deiner Hand. Woher nimmst du diese Inspiration? Wirst du dafür bezahlt?“

Uli: „Irgendwann fiel mir eine alte Bluse meiner Mutter in die Hände, die ich kabylisierte. Ich nähte bunte Zackenlitze, das Markenzeichen des kabylischen Kleides, darauf und präsentierte es erneut. Alle Inspirationen kommen von der kabylischen oder masirischen Kultur im allgemeinen. Und natürlich von den Zuschriften der Leser meiner Seite. Sie bedanken sich mit so lieben Worten, sie schreiben, dass sie durch mich wieder zu diesem traditionellen Kleidungsstück gefunden haben und dass sie einfach lieben, was ich mache. Es ist nicht ein Kommentar, nicht zehn Nachrichten, es sind Tausende. Und so sind sie es, die mich anspornen. Ich sehe ein Kleidungsstück und prüfe gedanklich direkt, ob es sich für die Kabylisierung (meine Antwort auf die Arabisierung) eignet.

Bezahlt werde ich nicht und auch verkaufen möchte ich meine Mode nicht unbedingt. Viele raten mir dazu, meine Rechte zu sichern, aber das ist nicht mein Ziel. Klar wäre ein eigenes Label schön, aber das bedeutet auch viel Arbeit. Ich bin ja nebenbei auch noch Anthropologin, Lehrerin und Singersongwriter.
 
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Kabylisiert alte und neue Kleidungsstücke – Uli Rohde.
 
Natürlich wurden meine Ideen inzwischen geklaut und einige verdienen damit tatsächlich gutes Geld. Ein Typ kam so auf die Kabylisierung von Second-Hand-Bekleidung und nimmt für einen Rock 350 Euro, da die Nachfrage so hoch ist. Oh lala … das tut dann doch fast ein bisschen weh. Aber ich kreiere einfach immer weiter. Ich bin eine Aktivistin und es freut mich, wenn meine Ideen inspirieren, wir uns gegenseitig befruchten und die Leute wieder zu sich finden.“

Heidi: „Ich habe auf deiner Seite auch einen kabylisierten Minirock entdeckt. Was meint die häufig muslimische Bevölkerung denn dazu?“

Uli: „Ja, das ist in der Tat ein heikles Thema. Ich wurde von einigen auch beschimpft. Diese Teile sind eher für die kabylischen Pariserinnen gedacht und nicht für die einheimische Bevölkerung, die manchmal durchaus etwas konservativ daherkommt.

Inzwischen habe ich Handtücher gestickt mit den Worten der kabylischen Ikone Matoub Lounes, ich habe Mützen mit Logos und Wörtern gestrickt, Taschen genäht, T-Shirts besprüht und ich habe gar nicht die Zeit, meine ganzen Einfälle zu realisieren.

Mittlerweile hat sogar die italienische Marke Desigual den Trend verstanden und Kleidung herausgebracht, die an die Berbermode angelehnt ist. Natürlich geht das an den Modemachern nicht vorbei, wenn in Paris ein Pulk von mehreren Tausend Frauen mit bunten Kleidern durch die Straßen zieht.

Selbst Sängerin Madonna hat sich – etwas trashig zwar – bei den MTV Video Music Awards 2018 in New York City in ein Berberkostüm gekleidet, zur Freude fast aller hier. Es gab dazu zwar jede Menge Kritik in den Medien, aber die gibt es ja immer. Die Kritik muss man einfach ausblenden, sonst macht man ja gar nichts mehr.“

# Madonna’s VMA outfit

 
Ich bedanke mich ganz herzlich für die offenen Worte von Uli Rohde und freue mich auf das nächste Treffen in Bergedorf mit ihr. In Teil 4 der Serie werdet ihr wieder jede Menge Insider-Wissen erfahren. Versprochen!
 
Eure HEIDI VOM LANDE

 
(Fotos: Privat von Uli Rohde)
 

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